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Friedenspreis 2026: Philippe Sands in der Paulskirche geehrt
Der französisch-britische Jurist und Schriftsteller Philippe Sands ist am Sonntag, dem 11. Oktober 2026, in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Das teilte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit, der den Preis seit 1950 vergibt. Die Laudatio hielt die österreichische Historikerin und Autorin Mirjam Zadoff, die seit Mai 2018 das NS-Dokumentationszentrum München leitet und seit Februar 2026 dem Stiftungsrat des Friedenspreises angehört.
Die Jury würdigte Sands als „eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen unserer Zeit“, der sich für Gerechtigkeit, Frieden und die beharrliche Verteidigung des Völkerrechts einsetze. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert und wird aus Spenden von Buchhändlern und Verlegern finanziert. Die Verleihung fand traditionell am letzten Tag der Frankfurter Buchmesse statt.
Würdigung der Jury: Völkerrecht entlang der Familiengeschichte
In der Begründung des Stiftungsrats heißt es, Sands zeige als Nachkomme von Holocaustüberlebenden entlang der eigenen Familiengeschichte, wie das Völkerrecht entstanden sei und welche Erfahrungen hinter den Tatbeständen „Genozid„ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ stünden. Sein literarisches Werk überzeuge mit erzählerischer Brillanz ebenso wie mit historischer Tiefe; es blicke sowohl auf die Motive der Täter als auch auf das Leid und die Leben der Opfer. Durch seine abgewogene und immer empathische Darstellung erhielten die Opfer eine Stimme und erführen Respekt, so die Jury weiter.
Philippe Sands, geboren 1960 in London, ist Professor für Internationales Recht am University College London und Gastprofessor an der Harvard Law School. Nach Angaben des Börsenvereins wirkte er als Menschenrechtsanwalt an bedeutenden Verfahren des internationalen Rechts mit, unter anderem am Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Im Mittelpunkt seiner juristischen Tätigkeit stehen demnach die universellen Rechte jedes einzelnen Menschen; er vertrat Opfer von Kriegsverbrechen und Rassismus, Folter und kolonialem Unrecht. Die Initiative, Ökozid als Straftatbestand beim Internationalen Gerichtshof zu verankern, um die Zerstörung von Ökosystemen unter Strafe stellen zu können, geht nach Angaben der Stiftung ebenfalls auf ihn zurück.
International bekannt wurde Sands mit dem Sachbuch „East West Street„ (2016), das 2018 auf Deutsch unter dem Titel „Rückkehr nach Lemberg. Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Eine persönliche Geschichte“ erschien. Darin verbindet er die Geschichte seiner Familie mit den Biografien der Juristen Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin, die die Begriffe „Verbrechen gegen die Menschlichkeit„ und „Genozid“ prägten. Später entstand aus dem Stoff auch ein Dokumentarfilm. Sein deutscher Verlag S. Fischer gratulierte zur Auszeichnung; Verleger Oliver Vogel nannte Sands „nicht nur einen herausragenden Autor, sondern auch einen zutiefst inspirierenden Menschen“, wie hessenschau.de berichtete.
Reden in der Paulskirche: Literatur und Verantwortung
Der Vorsteher des Börsenvereins, Sebastian Guggolz, stellte in seinem Grußwort die Frage, ob Bücher Frieden stiften könnten, und würdigte das erzählende Sachbuch als Spielform, „die das gefällte Urteil wieder in die Vielschichtigkeit zurückführt„. Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef erinnerte daran, dass nur wenige Schritte von der Paulskirche entfernt 1963 im Römer der erste Frankfurter Auschwitzprozess begonnen hatte, und zitierte den damaligen hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer: „Wenn der Staat kriminell ist, ist Mitmachen kriminell.“ Josef verwies zudem darauf, dass Lwiw – die Stadt, von der „Rückkehr nach Lemberg“ handelt – seit 2024 ukrainische Partnerstadt Frankfurts ist, und bekannte sich ausdrücklich zum Prinzip, im Sinne der Menschlichkeit über Grenzen hinweg füreinander da zu sein.
Sands selbst wurde in seiner Dankesrede mit den Worten zitiert: „Wir lernen aus unserer Geschichte weniger, als wir lernen könnten. Dadurch entsteht ein Raum, in dem wir vergessen können, wozu Menschen fähig sind.“ Laut einem Bericht der ZEIT nutzte der Preisträger die Rede auch, um die Bedeutung internationaler Gerichte und des Völkerrechts in einer Zeit wachsender Konflikte zu unterstreichen. Der Börsenverein veröffentlichte die Reden der Verleihung – darunter das Grußwort des Oberbürgermeisters, die Ansprache des Vorstehers und die Laudatio – im Wortlaut auf der Website des Preises, teils auch als Audiofassung. Neben seiner schriftstellerischen Arbeit hat Sands nach Angaben der Stiftung 16 Bücher veröffentlicht, darunter juristische Standardwerke zum internationalen Umwelt- und Institutionenrecht.
Ein Preis mit Geschichte
Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zählt nach Angaben des Börsenvereins zu den wichtigsten Kulturpreisen Deutschlands. Verliehen wird er seit 1950 an Persönlichkeiten, die in Literatur, Wissenschaft oder Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen haben. Erster Preisträger war der Verleger Max Tau; zu den früheren Preisträgern gehören unter anderem Albert Schweitzer (1951), Hermann Hesse (1955), Astrid Lindgren (1978), Václav Havel (1989), Jürgen Habermas (2001), Orhan Pamuk (2005), Margaret Atwood (2017) und Salman Rushdie (2023).
Preisträger des vergangenen Jahres war der deutsche Historiker Karl Schlögel. Die Wahl von Sands knüpft an eine Reihe von Auszeichnungen an, mit denen der Börsenverein zuletzt wiederholt Autorinnen und Autoren ehrte, die sich mit den Folgen von Krieg, Diktatur und Menschenrechtsverletzungen auseinandersetzen – darunter der ukrainische Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan (2022) und die US-amerikanische Historikerin Anne Applebaum (2024). Zadoff, die diesjährige Laudatorin, wurde 1974 in Innsbruck geboren und engagiert sich nach Angaben der Stiftung in Gremien wie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften; sie wurde unter anderem mit dem Bayerischen Verdienstorden (2023) und dem Thomas-Dehler-Preis (2024) ausgezeichnet.



