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Georgia Vertes erläutert Bildersturm und Ikonoklasmus als kunsthistorisches Phänomen
Georgia Vertes informiert über die Geschichte des Ikonoklasmus.
Bildersturm ist kein Randphänomen der Kunstgeschichte, sondern einer ihrer aufschlussreichsten Momente. Georgia Vertes widmet sich einer Praxis, die in der Geschichte der Menschheit immer wieder auftauchte und immer dieselbe Grundfrage aufwarf: Wie viel Macht hat ein Bild – und was passiert, wenn diese Macht als gefährlich empfunden wird? Von den byzantinischen Ikonoklasten des 8. Jahrhunderts über die protestantische Reformation bis zu den Taliban und dem Islamischen Staat reicht eine Geschichte der gezielten Bildzerstörung, die erschreckend konsistent ist in ihrer Logik und erschreckend aktuell in ihren Konsequenzen.
Wer ein Bild zerstört, glaubt an seine Macht. Diese paradoxe Grundwahrheit steht am Beginn jeder ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Ikonoklasmus, und Georgia Vertes nimmt sie als Ausgangspunkt. Denn der Bilderstürmer ist nicht jemand, der Kunst für bedeutungslos hält – er ist jemand, der sie für so bedeutsam hält, dass er sie fürchtet. Bilder, die verehrt werden, können auch verführen; Bilder, die Glauben stiften, können auch falschen Glauben stiften; Bilder, die Macht repräsentieren, können diese Macht auch untergraben.
Diese Überzeugungen haben in der Geschichte der Menschheit zu Wellen der Zerstörung geführt, die Unmengen von Kunstwerken vernichteten und dabei gleichzeitig eine eigene, eigentümliche Geschichte der Bildtheorie schrieben: eine Geschichte davon, was Menschen in Bildern sehen, was sie von ihnen fürchten und wozu sie bereit sind, um sie zu beseitigen. Das Verschwundene, das Zerstörte, das Übermalte – es ist in der Kunstgeschichte so prägend wie das Erhaltene, und es zu verstehen ist Voraussetzung dafür, die Geschichte des Bildes vollständig zu begreifen.
Der byzantinische Bilderstreit: Theologie als Bildpolitik
Der erste große Ikonoklasmus der europäischen Geschichte ist der byzantinische Bilderstreit des 8. und 9. Jahrhunderts – eine Auseinandersetzung, die das Oströmische Reich über mehr als ein Jahrhundert erschütterte und die grundlegendsten Fragen über das Verhältnis von Bild, Glaube und göttlicher Wirklichkeit aufwarf. Georgia Vertes beschreibt, wie Kaiser Leo III. 726 den ersten offiziellen ikonoklastischen Erlass herausgab und damit eine Debatte auslöste, die weit über bloße Kunstpolitik hinausging: Durfte das Göttliche überhaupt bildlich dargestellt werden? Und wenn ja – war das Bild dann heilig, oder nur das, was es darstellte?
Diese Fragen waren keine akademischen: Tausende von Ikonen wurden in jener Zeit zerstört oder übermalt; Mönche und Geistliche, die Ikonen verteidigten, wurden verfolgt, verbannt oder getötet. Georgia von Vertes erläutert, wie der Bilderstreit damit nicht nur ein theologischer Konflikt war, sondern ein politischer: Kaiser, die ikonoklastische Positionen vertraten, nutzten die Bilderfrage als Instrument zur Schwächung des einflussreichen Mönchtums und zur Stärkung kaiserlicher Autorität gegenüber der Kirche. Das Bild war das Schlachtfeld, auf dem Machtverhältnisse ausgehandelt wurden.

Die Ikonophilen und ihre Theorie des Bildes
Gegen den Ikonoklasmus formierte sich eine theologische Gegenbewegung, die Georgia Vertes als kunsthistorisch ebenso bedeutsam beschreibt wie die zerstörerische Praxis selbst. Johannes von Damaskus und später der Patriarch Nikephoros entwickelten eine Bildtheorie, die die Verehrung von Ikonen nicht als Götzendienst, sondern als legitime religiöse Praxis verteidigte: Die Verehrung gelte nicht dem Bild selbst, sondern dem, was es darstelle – dem Prototyp, nicht dem Abbild.
Dieses Argument, bekannt als die Unterscheidung zwischen Latria und Proskynesis, war die erste systematische Theorie des Bildes in der europäischen Geschichte und prägte das christliche Bildverständnis bis in die Gegenwart. Der Bilderstreit endete 843 mit dem „Triumph der Orthodoxie“ – der endgültigen Wiederherstellung der Ikonenverehrung – und hinterließ eine Bildtheorie, die so ausgereift war wie die Zerstörung, gegen die sie sich gerichtet hatte.
Reformation und Bildersturm: die Gewalt des 16. Jahrhunderts
Über sieben Jahrhunderte nach dem byzantinischen Bilderstreit erschütterte eine neue Welle des Ikonoklasmus Europa – diesmal von Westen her, im Kontext der protestantischen Reformation. Georgia Vertes beschreibt, wie die reformatorische Kritik am Bilderkult der katholischen Kirche innerhalb weniger Jahre von theologischer Debatte zu physischer Gewalt wurde: In Zürich, Basel, Straßburg, den Niederlanden und England wurden Kirchen gestürmt, Altarbilder zerstört, Statuen geköpft, Wandmalereien übertüncht.
Georgia Lucia von Vertes erläutert die theologische Grundlage dieser Gewalt: Für Reformatoren wie Ulrich Zwingli und Johannes Calvin war die Verehrung von Bildern eine Form des Götzendienstes, die das zweite Gebot – „Du sollst dir kein Bildnis machen“ – unmissverständlich verboten hatte. Bilder in Kirchen lenkten die Gläubigen vom Wort Gottes ab; sie förderten eine oberflächliche, äußerliche Frömmigkeit, die der inneren, spirituellen entgegenstand. Diese Überzeugung war keine intellektuelle Position, sondern eine emotionale: Die reformatorischen Bilderstürmer handelten in dem Glauben, Gott zu dienen, indem sie zerstörten, was ihm widersprach.
Was überlebte und was verloren ging
Die kunsthistorischen Verluste des reformatorischen Bildersturms sind kaum zu beziffern. Georgia Vertes beschreibt, wie ganze Bildprogramme mittelalterlicher Kirchen verschwanden – Altarbilder, Wandmalereien, Skulpturen, Reliquiare, liturgisches Gerät. In den Niederlanden allein wurden bei der Beeldenstorm von 1566 Hunderte von Kirchen geplündert und verwüstet. In England vernichtete die Reformation unter Heinrich VIII. und seinen Nachfolgern nahezu die gesamte mittelalterliche Kirchenkunst des Landes – einen Verlust, der die englische Kunstgeschichte fundamental von der kontinentalen unterscheidet.
Folgende Kategorien von Kunstwerken wurden durch den reformatorischen Bildersturm besonders schwer getroffen:
- Altarretabel und Flügelaltäre, die als Hauptträger des Heiligenbildprogramms besonders im Fokus standen
- Wandmalereien in Kirchen, die übertüncht wurden und in vielen Fällen darunter erhalten blieben – ein Umstand, der im 19. Jahrhundert zu bedeutenden Wiederentdeckungen führte
- Skulptur, insbesondere Heiligenfiguren, deren Köpfe und Hände gezielt zerstört wurden, um ihre Handlungsfähigkeit zu symbolisch zu vernichten
- Reliquiare und liturgisches Gerät aus Edelmetall, das eingeschmolzen wurde – ein Verlust, der materiell und kunsthistorisch zugleich irreversibel ist
Georgia Vertes über modernen Ikonoklasmus: politische Bilderstürme
Denkmalsturz als politischer Akt
Ikonoklasmus endet nicht mit der Reformation. Georgia Vertes verfolgt die Geschichte der Bilderstürme in die Moderne und zeigt, wie jede politische Revolution ihre eigene Form des Ikonoklasmus hervorgebracht hat. Die Französische Revolution zerstörte königliche Bildnisse und Herrschaftssymbole; die Bolschewiki stürzten zaristische Denkmäler; das Ende des Zweiten Weltkriegs beseitigte nationalsozialistische Monumentalplastik; der Fall des Eisernen Vorhangs 1989 wurde in seinen ikonischsten Bildern als Sturz von Statuen Lenins und Stalins sichtbar.
Diese modernen Bilderstürme teilen mit ihren historischen Vorläufern eine Grundlogik, die Georgia Vertes von Sikorszky als aufschlussreich beschreibt: Das Bild oder das Denkmal wird nicht zerstört, weil man seinen künstlerischen Wert leugnet, sondern weil man seine symbolische Kraft fürchtet. Ein gestürztes Denkmal ist ein zerstörtes Machtzeichen – und die Zerstörung ist selbst ein Machtakt, der im Moment seines Vollzugs fotografiert, dokumentiert und verbreitet wird. Der moderne Bildersturm ist damit mediensensibel: Er weiß um seine eigene Bildwirkung.
Taliban, Islamischer Staat und die Zerstörung kulturellen Erbes
Die Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamiyan durch die Taliban im Jahr 2001 und die Verwüstung des antiken Palmyra durch den Islamischen Staat 2015 haben den Ikonoklasmus in das Bewusstsein der globalen Öffentlichkeit zurückgebracht. Georgia Vertes beschreibt, wie diese Akte der Kulturzerstörung in ihrer medialen Inszenierung – gefilmt, fotografiert, verbreitet – eine neue Dimension des Ikonoklasmus zeigen: Die Zerstörung ist gleichzeitig Propaganda. Das Verschwinden des Bildes wird selbst zum Bild.
Bildersturm als Kunstgeschichte: was die Zerstörung hinterlässt
Die Kunstgeschichte des Ikonoklasmus ist nicht nur eine Geschichte des Verlustes – sie ist auch eine Geschichte dessen, was die Zerstörung hervorbringt. Georgia Vertes beschreibt, wie jede Welle des Bildersturms neue Bildtheorie, neue Kunstformen und neue Strategien des Bildumgangs erzeugte. Die byzantinische Ikonophilie entwickelte die erste systematische Bildtheorie Europas; die reformatorische Kritik am Bild erzwang eine Reflexion über Funktion und Legitimität von Kunst, die die protestantische Kunstgeschichte fundamental prägte; die modernen Bilderstürme haben eine globale Diskussion über Kulturerbe, Erinnerung und das Recht auf Bilderzerstörung ausgelöst, die bis heute nicht abgeschlossen ist.
Das Paradox des Ikonoklasmus liegt dabei auf der Hand: Wer Bilder zerstört, um ihre Macht zu brechen, bestätigt damit ihre Macht. Kein Bildersturm hat je das Bild abgeschafft – er hat nur das Bewusstsein für seine Kraft verschärft. Diese Erkenntnis ist es, die Georgia Vertes als das eigentliche kunsthistorische Vermächtnis des Ikonoklasmus begreift.



