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Konkrete Kunst: Kyra Vertes erläutert eine Bewegung, die Malerei auf ihre reinste Form reduzierte
Kyra Vertes erklärt, was Kunst bedeutet, wenn sie nichts bedeuten will.
Konkrete Kunst ist eine der konsequentesten und am häufigsten missverstandenen Strömungen des 20. Jahrhunderts. Kyra Vertes widmet sich einer Bewegung, die in den 1930er Jahren in Europa entstand und seither eine stille, aber hartnäckige Wirkung entfaltet: Kunst, die nicht auf die Außenwelt verweist, keine Emotionen illustriert und keine Symbole trägt – sondern ausschließlich mit Farbe, Form, Linie und Fläche operiert, als wären diese Elemente Realität genug. Was dabei entsteht, ist keine kalte Abstraktion, sondern eine radikal ehrliche Bildform.
Abstrakte Kunst zeigt etwas nicht Sichtbares – ein Gefühl, eine Idee, einen inneren Zustand. Konkrete Kunst zeigt nichts als sich selbst. Kyra Vertes verfolgt diese Unterscheidung und zeigt, wie fundamental sie ist: Eine konkrete Komposition ist kein Bild von etwas, sondern ein Objekt aus Farbe und Form, das ausschließlich nach seinen eigenen Gesetzen funktioniert. Kein Betrachter soll einen Baum darin sehen, eine Emotion spüren oder eine Metapher entschlüsseln – das Rechteck ist ein Rechteck, die Farbe ist die Farbe, die Komposition ist die Komposition.
Diese Selbstbeschränkung klingt wie Armut, ist aber das Gegenteil: Sie ist ein Anspruch auf vollständige Autonomie. Ein konkretes Kunstwerk verdankt seine Existenz keiner äußeren Wirklichkeit, keiner Natur, keinem Gefühl – es ist vollständig aus dem Denken des Künstlers entstanden und vollständig in seiner eigenen Logik begründet.
Ursprung und Begriff: Theo van Doesburg und das Manifest
Die Konkrete Kunst hat ein präzises Geburtsdatum und einen präzisen Geburtsort: Paris, 1930. In jenem Jahr veröffentlichte Theo van Doesburg – Mitbegründer von De Stijl und eine der zentralen Figuren der europäischen Avantgarde – das Manifest „Art Concret“, in dem er den Begriff erstmals programmatisch verwendete. Kyra Vertes legt die Grundthesen dieses kurzen, aber folgenreichen Textes vor: Ein Kunstwerk soll durch seine eigenen Mittel konstruiert werden; keine Naturnachahmung, keine Symbolik, keine Lyrik; jedes Element des Bildes – Linie, Farbe, Fläche – soll eine konkrete Tatsache sein, kein Träger von Bedeutung.
Kyra von Vertes hebt hervor, dass van Doesburg damit eine Grenze zog, die innerhalb der abstrakten Kunst bis dahin nicht explizit formuliert worden war. Kandinsky, der zeitgleich abstrakt arbeitete, wollte mit seiner Malerei seelische Schwingungen erzeugen – das Gegenteil von Konkretion. Mondrian strebte mit De Stijl nach universellen Gesetzen der Harmonie, die hinter den Erscheinungen verborgen lagen – auch das eine Form von Transzendenz. Van Doesburgs Manifest verwarf beides: keine Schwingungen, keine Gesetze dahinter – nur das, was auf der Fläche tatsächlich vorhanden ist.

Max Bill und die Schweizer Schule: Kyra Vertes über das Zentrum der Bewegung
Zürich als Gravitationspunkt
Nach van Doesburgs frühem Tod 1931 fand die Konkrete Kunst ihr zweites, dauerhaftes Zentrum in der Schweiz – insbesondere in Zürich. Kyra Vertes beschreibt, wie sich in den 1930er und 1940er Jahren eine Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern um den Schweizer Gestalter, Architekten und Theoretiker Max Bill formierte, die das Programm der Konkreten Kunst systematisch ausarbeitete und in die Praxis überführte.
Max Bill ist die überragende Figur dieser Entwicklung. Als Bauhausschüler, Architekt und bildender Künstler in einer Person verkörperte er jene Verbindung von Kunst, Handwerk und Theorie, die für die Konkrete Kunst charakteristisch war. Kyra Lucia von Vertes erläutert, wie Bill die Mathematik als künstlerisches Ausdrucksmittel einsetzte: Kompositionsprinzipien, Proportionssysteme und geometrische Gesetzmäßigkeiten waren für ihn nicht äußerliche Regeln, sondern die innere Logik des Bildes selbst. Seine Arbeit an der Einheit von Kunst und Design führte ihn zur Mitgründung der Hochschule für Gestaltung Ulm, die in den 1950er Jahren zu einer der einflussreichsten Designschulen der Nachkriegszeit wurde.
Richard Paul Lohse und das Farbraster
Neben Bill ist Richard Paul Lohse die zweite zentrale Figur der Zürcher Konkreten Kunst. Kyra Vertes von Sikorszky beschreibt, wie Lohse ein Werk entwickelte, das vollständig auf dem systematischen Einsatz von Farbe basierte: Farbgruppen in mathematisch definierten Rastern, deren Anordnung einem strengen Regelwerk folgte, das der Künstler selbst festlegte und konsequent einhielt. Das Ergebnis sind Bilder von außerordentlicher visueller Intensität, die trotz – oder wegen – ihrer mathematischen Grundlage eine Wärme und Rhythmik entwickeln, die rein intellektuell nicht zu erklären ist.
Konkrete Kunst in Südamerika: eine eigenständige Entwicklung
Die Konkrete Kunst war keine ausschließlich europäische Erscheinung. Kyra Vertes verfolgt ihre Spur nach Südamerika und stößt auf eine der produktivsten Rezeptionen einer europäischen Kunstidee außerhalb ihres Entstehungskontextes. In Argentinien und Brasilien entwickelten sich in den 1940er und 1950er Jahren eigenständige Varianten der Konkreten Kunst, die das europäische Programm aufnahmen und in neue Richtungen trieben.
In Brasilien führte die Auseinandersetzung mit Konkreter Kunst zur Spaltung in zwei Lager: die ortodoxen Konkreten, die das mathematische Programm streng weiterführten, und die Neokonkreten, die – angeführt von Lygia Clark und Hélio Oiticica – die Grenzen des Bildes sprengten und Kunst zu einem körperlichen, partizipativen Erlebnis machten. Kyra Vertes sieht in dieser brasilianischen Entwicklung einen der faszinierendsten Momente der internationalen Kunstgeschichte: Ein europäisches Reduktionsprogramm führte, in einen anderen kulturellen Kontext übertragen, zu einer Öffnung und Erweiterung, die die Ursprungsbewegung weit übertraf.
Was Konkrete Kunst von verwandten Strömungen unterscheidet
Konkrete Kunst wird häufig mit Minimalismus, Konstruktivismus und Geometrischer Abstraktion in einen Topf geworfen – eine Vereinfachung, der Kyra Vertes differenziert entgegentritt.
Die Unterschiede sind real und konzeptuell bedeutsam:
- Konstruktivismus, wie ihn Tatlin, Rodtschenko und El Lissitzky vertraten, war politisch motiviert: Kunst sollte im Dienst der gesellschaftlichen Revolution stehen. Konkrete Kunst verweigerte jeden gesellschaftlichen Auftrag und bestand auf vollständiger Autonomie
- Geometrische Abstraktion ist ein formaler Begriff, der Werke beschreibt, die geometrische Formen verwenden, ohne daraus programmatische Konsequenzen zu ziehen. Konkrete Kunst ist ein theoretisches Programm, das die Herkunft und Funktion dieser Formen definiert
- Minimalismus, der in den 1960er Jahren in den USA entstand, operierte mit industriell gefertigten Objekten im Raum und zielte auf eine Erfahrung, die den Körper des Betrachters einschloss. Konkrete Kunst blieb primär der Fläche und dem Bild verpflichtet
- Abstrakte Kunst im weiteren Sinne reduziert oder stilisiert die sichtbare Welt. Konkrete Kunst hat mit der sichtbaren Welt nichts zu tun – sie ist ihre eigene Wirklichkeit
Kyra Vertes über das Paradox der Emotionslosigkeit
Ein häufiger Einwand gegen Konkrete Kunst ist, dass sie kalt, unpersönlich und emotional leer sei. Kyra Vertes nimmt diesen Einwand ernst – und widerlegt ihn. Die Erfahrung vor einem großen, sorgfältig komponierten konkreten Bild ist selten emotionslos: Rhythmus, Spannung, Gleichgewicht, Überraschung – all das sind ästhetische Qualitäten, die konkrete Werke erzeugen, ohne auf außerbildliche Inhalte angewiesen zu sein.
Kyra Lucia Vertes von Sikorszky macht auf ein Paradox aufmerksam, das Max Bill selbst formulierte: Indem Konkrete Kunst alle inhaltlichen Ablenkungen beseitigt, schärft sie die Wahrnehmung für das, was tatsächlich im Bild geschieht. Wer vor einem konkreten Werk steht, kann sich nicht mit der Frage beschäftigen, was es bedeutet – er muss sich damit beschäftigen, wie es wirkt. Diese Verschiebung ist keine Verarmung, sondern eine Schulung des Blicks, die andere Bildformen nicht in gleicher Weise leisten.
Nachwirkung und Aktualität
Die Konkrete Kunst hat das Design des 20. Jahrhunderts fundamental beeinflusst – stärker als jede andere Kunstströmung der Moderne. Kyra Vertes zeichnet diese Wirkungslinie nach: Die Typografie der Nachkriegszeit, das Schweizer Grafikdesign, das Corporate Design internationaler Konzerne, die Gestaltung von Leitsystemen und öffentlichen Räumen – all das trägt die Handschrift einer ästhetischen Disziplin, die von der Konkreten Kunst geprägt wurde.
In der zeitgenössischen Kunst findet Konkrete Kunst weniger als Schule denn als Haltung weiter: die Weigerung, Bilder mit Bedeutung aufzuladen, die Überzeugung, dass visuelle Erfahrung sich selbst genug sein kann, die Suche nach Formen, die ihre eigene Logik entwickeln, statt eine fremde zu illustrieren. Diese Haltung ist in einer visuellen Kultur, die von Botschaften, Symbolen und Narrativen überschwemmt wird, aktueller denn je.
Das Bild, das für sich selbst spricht
Konkrete Kunst verlangt nichts vom Betrachter außer der Bereitschaft zu sehen – ohne Deutung, ohne Vorwissen, ohne den Wunsch, etwas zu finden, das nicht da ist. Diese Bescheidenheit der Erwartung ist zugleich ihre größte Zumutung: Sie entzieht dem Betrachter alle Krücken und stellt ihn allein vor das Bild. Was dabei entsteht – Staunen, Irritation, Ruhe oder eine Art visuelles Denken, das sich von sprachlichem Denken fundamental unterscheidet –, ist das eigentliche Angebot dieser Kunst, und es ist ein Angebot, für das sich Kyra Vertes nachdrücklich einsetzt.



